Das DFG-Projekt Inertia untersucht, warum wirtschaftliche Preisentscheidungen oft träge ausfallen und nimmt dabei in Experimenten insbesondere die Rolle von kognitiven Fähigkeiten in den Blick.
Trägheit bei wirtschaftlichen Entscheidungen beschreibt das Phänomen, dass Menschen ihre Handlungen eher schrittweise als unmittelbar an neue wirtschaftliche Bedingungen anpassen. Traditionelle makroökonomische Theorien führen diese Trägheit auf starre Faktoren wie Kosten für Preisanpassungen und schwerfällige Informationsflüsse zurück. Experimentelle Belege liefern einen weiteren Grund: Menschen handeln nicht so rational, wie es viele Wirtschaftsmodelle annehmen. Oft reagieren sie nicht reflektiert auf verfügbare Informationen oder nicht strategisch vorausschauend auf die von anderen Menschen gesetzten Preise.
Das DFG-Projekt Inertia unter der Leitung von Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff geht davon aus, dass diese Diskrepanz zwischen Theorie und experimenteller Evidenz durch begrenzte kognitive Fähigkeiten erklärt werden kann. „Diese schränken die Fähigkeit ein, komplexe Aufgaben vollständig zu lösen“, erklärt der Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftstheorie an der Universität. Um dies zu untersuchen, entwickeln die Forschenden ein Preissetzungsspiel, bei dem die Entscheidungen der Teilnehmenden voneinander abhängen, ähnlich wie bei konkurrierenden Unternehmen. Ein Preisanstieg eines Unternehmens lädt zu Nachahmung ein, während auf eine Preissenkung der Konkurrenz mit einer eigenen reagiert wird. Die Teilnehmenden bestimmen ihre Preise unter einfachen oder komplexen Bedingungen sowie unterschiedlich anspruchsvollen Informationen. „Dadurch können wir beobachten, wie sich die kognitive Belastung auf die Trägheit der Preisanpassung auswirkt, indem sie die Fähigkeit der Teilnehmenden einschränkt, reflektiert zu reagieren oder die Entscheidungen anderer strategisch zu antizipieren“, erklärt Prof. Dr. Graf Lambsdorff.
An mehreren Punkten während des Experiments erfassen und analysieren die Forschenden sogenannte Prozessdaten, also Daten zu den Denkprozessen der Teilnehmenden. Diese Daten liefern Rückschlüsse auf die Ursachen der Trägheit, also ob diese in erster Linie durch unreflektierte Reaktionen oder fehlende strategische Voraussicht verursacht wird. Künstliche Intelligenz wird eingesetzt, um die dabei erhobenen schriftlichen Erklärungen der Teilnehmenden zu bewerten. Das Projekt hat sich zum Ziel gesetzt, kognitive Einschränkungen, die zu Trägheit führen, zu identifizieren, um so die Kluft zwischen makroökonomischer Theorie und experimenteller Evidenz zu überbrücken.
Zudem erhoffen sich die Forschenden von den Erkenntnissen eine effektivere Kommunikation der Wirtschaftspolitik. „Die Ergebnisse könnten Zentralbanken dabei helfen, Kommunikationsstrategien zu entwickeln, die die kognitiven Einschränkungen der Wirtschaftsakteure berücksichtigen“, sagt Prof. Dr. Graf Lambsdorff. Dies könne möglicherweise zu wirksameren politischen Interventionen und einem besseren Verständnis der Reaktionen auf gesamtwirtschaftliche Schocks oder politische Maßnahmen führen.
Die Illustration wurde mit Hilfe von ChatGPT erstellt.
| Projektleitung an der Universität Passau | Prof. Dr. Johann Graf Lambsdorff (Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre mit Schwerpunkt Wirtschaftstheorie) |
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| Mittelgeber |
DFG - Deutsche Forschungsgemeinschaft
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| Projektnummer | 566399671 |